Schuld und Reue

Schuld ist im Tibetischen einfach keine Sache, genauso wie in der tibetischen Kultur und der Mentalität der Menschen. Übersetzer stoßen deshalb auch auf Probleme, wenn sie gefordert sind, einen Satz mit dem Wort „Schuld“ ins Tibetische zu übersetzen.

Schuldig zu sein, heißt sich schuldig zu fühlen. Ein schlechtes Gewissen. Man trägt eine Schuldigkeit wie eine schwere Last mit sich herum. Diese Auffassung von Schuld ist Tibetern fremd. Was sie aber kennen, ist Reue.

Worin besteht der Unterschied zwischen Schuld und Reue?

Um das zu erhellen ein Beispiel:

Man stelle sich vor, man wäre auf einem Bankett und man hätte schon von den Austern genascht. Dumm nur, dass es den beiden anderen, die das auch getan haben, gar nicht gut geht. Der eine ist schon tot, der andere auf dem Weg ins Krankenhaus und einem selbst geht es auch nicht mehr gut.

Dann bereut man, dass man die Austern gegessen hat, aber man fühlt sich nicht schuldig deswegen.

Ähnlich verhält es sich mit unheilsamen (vulgo: bösen) Taten. Man bereut, aber man fühlt sich nicht schuldig.

Reue ist ein wichtiges Mittel im Umgang mit unheilsamen Taten, die man begangen hat, es wird für die Bereinigung angewandt (Genauso wie Mitgefühl mit jenen, denen man geschadet hat). Wenn man bereut, werden die Auswirkungen des karmischen Potentials dieser Handlungen abgeschwächt oder sogar gänzlich aufgehoben. Das gilt auch für heilsame (gute) Taten. Wenn man zum Beispiel einem Obdachlosen 10€ gibt, ist das erst mal eine heilsame Tat (Freigebigkeit), die gute karmische Anlagen legt. Wenn man das aber später bereut, weil man zuviel gespendet hat, wird diese Anlage geschwächt wenn nicht ganz aufgehoben.

Also: Schuld ist Scheiße aber Bereuen sinnvoll.