Vergeben

Du bist ein herzensguter Mensch, der niemals anderen Anlass gegeben hat, auf dich stinkich zu sein – ich gehe mal davon aus. Dass also Du es bist, der verletzt, der vielleicht übel beschimpft wurde. Eine typisch menschliche Reaktion darauf ist, mit einem der Geistesgifte – dem Hass – zu reagieren und Rache zu wollen. Zurückschlagen: „Jawoll, das soll er erleben, dem werd ich zeigen, wo der Hammer hängt!“

Vielleicht aber denkst Du auch daran zu vergeben. Nur wie? Du fällst vielleicht diesen Entschluss und sprichst in Gedanken den Satz aus: „Ich vergebe ihm, dass er mir schlimmes getan hat“. Im Geist bist Du aber noch aufgewühlt und rachsüchtig. Emotionen neigen dazu, sich zu widersetzen, sie haben ihren eigenen Kopf, sind widerspenstig wie pubertierende Teenager, und hören nicht auf das, was man ihnen sagt. Jähzornige kennen das nur zu gut.

Wenn Du vergeben willst, kannst Du als erstes versuchen, nicht daran zu denken, wie Du verletzt wurdest (auch wenn der Dalai Lama sagt, Vergeben bedeute eigentlich nicht Vergessen) – und wenn sich diese Gedanken aufdrängen, denke daran, was der Andere dir Gutes getan hat bei anderen Gelegenheiten, denn bestimmt gibt es auch solche. Rufe sie dir aktiv in Erinnerung.

Dann kannst Du Akzeptieren, dass man dich verletzt hat. Akzeptieren, Annehmen und keinen Widerstand leisten, hilft weiter, Widerstand führt zu Leid.

Akzeptiere und verurteile die Tat, nicht den Täter. Dabei helfen kann die Metapher vom Stock. Wenn dich jemand mit einem Stock schlägt, bist Du dann wütend auf den Stock? Wenn dich ein Mensch verletzt, steht er unter der Herrschaft der Geistesgifte wie Hass oder Gier, wenn er dich beraubt. Er ist verwirrt, wäre er frei von diesen Geistesgiften, wäre er rundum glücklich, er würde dir nicht schaden. Er ist wie der Stock, geführt von den Leidenschaften. Sei nicht wütend auf den Stock.

Man kann schließlich mit Mitgefühl reagieren, das ist dann ganz hohe Kunst. Wenn man erkennt, dass jemand unter den Leidenschaften steht, ihr Sklave ist, damit sich selbst und anderen schadet, kann man Mitgefühl mit ihm üben. Ein Tibeter, der von den Chinesen gefoltert wurde, berichtet, seine größte Sorge sei gewesen, dass er sein Mitgefühl mit seinen Peinigern verlieren könnte. Das ist wie gesagt: Höchste Praxis.

Und was bringt es? Geistesfrieden. Hass verwirrt den Geist, stürzt ihn ins Chaos. Man leidet darunter. Wer wahrhaft vergeben kann, ist auch glücklich.