Töten im Namen Gottes

Liebe – das ist nicht nur im Buddhismus eine der vier unermesslichen Geisteshaltungen, sie wird auch in den anderen Religionen hochgeschätzt, ist von zentraler Bedeutung.

Da ist es verwunderlich, dass im Namen solcher Religionen, deren eigenen Ansprüchen nach die Liebe eine ihrer wichtigsten Botschaften ist, immer und immer wieder getötet wird, und das auch besonders grausam. Da werden Hexer verbrannt, Ehebrecher gesteinigt oder ein Gläubiger sprengt sich in Namen seines Gottes in die Luft und reißt dabei viele „Ungläubige“ mit in den Tod.

Eigentlich ist derjenige, der einen Mord ausübt, besonders einen grausamen Mord, ein Fall für die Hölle. Jetzt aber tötet er im Namen Gottes und damit ist er der festen Überzeugung, er komme für das grausame Töten nicht in die Hölle sondern würde dafür ins Paradies eingehen. Das heißt man führt lediglich den göttlichen Willen aus, beziehungsweise es wird einem gesagt, man handele im Namen Gottes. Das kann einem im Buddhismus nicht passieren (auch wenn es im Buddhismus Extremismus gibt, wenn auch viel seltener). Die Lehre des Buddhismus gibt es nicht her, andere zu töten, selbst dann, wenn man noch so sehr der Überzeugung anhängt, dies sei gerechtfertigt. Als Paradebeispiel hierzu ließe sich die Besetzung Tibets durch China anführen. China mordet und foltert dort. Die Tibeter wehren sich aber nicht wie z.B. die französische Résistance gegen die Nazibesatzer, die auch zu tödlicher Gewalt griff. Der tibetische (und wohl erfolglose) Widerstand ist gewaltfrei, und damit folgt er dem Buddhismus wie auch der Aufforderung S. H. des Dalai Lama.

Zurück zum Selbstmordattentäter, der sich und andere tötet und damit Gottes Willen ausübt. Das erste, was mir dazu einfällt, ist die Frage, warum Gott seinen Willen nicht selbst durchsetzt. Er ist allmächtig. Warum ist der „Sieg Gottes“ über die Ungläubigen nah, warum also gibt es einen Krieg, wenn die eine Partei allmächtig ist und damit den Krieg sofort und nachhaltig beenden könnte? Wie kann es sein, dass sich ein Engel gegen den Allmächtigen auflehnt um die Herrschaft im Himmel zu erreichen?

Um Gotteslästerung mögen sich die Götter selbst kümmern, lautet dazu eine uralte Weisheit. Aber gut: Vielleicht geht es darum, dass der sterbliche Wurm einen Beweis dafür liefert, dass man sich ganz diesem allmächtigen und herrlichen Gott unterwirft, und dazu eben andere tötet – nicht nur andere sondern auch sich selbst, womit man das Risiko eingeht, entweder ganz zu sterben, wenn es keine übernatürliche Ordnung gibt, oder aber als Mörder in die Hölle einzugehen, wie es aus Sicht anderer Gläubiger wie z.B. Buddhisten der Fall ist.

Man soll also den ultimativen Beweis dafür liefern, dass man sich Gott unterwirft. Aber welche von den vielen monotheistischen Religionen hat denn nun Recht? Die Sunniten, die Schiiten oder vielleicht doch die Katholiken? Letztere drohen ebenfalls mit der Hölle. Wer nicht Mitglied in der katholischen Kirche ist, kommt in die Hölle. Es besteht aber ein Unterschied zum radikalen Islam: Man hat der katholischen Kirche ihren scharfen Zahn gezogen. Auch wenn die Lehre besagt, alle Nicht-Katholiken kommen in die Hölle, wird das kaum noch gelehrt und erst recht nicht durchgesetzt, in dem Sinne, dass man auf deutliche Distanz zu den Ungläubigen geht. Man muss lange suchen um einen Priester zu finden, der verkündet, außerhalb seiner Kirche gebe es kein Heil – obwohl das die katholische Dogmatik besagt.

Dieses Einfordern eines Beweises der Unterwerfung widerspricht gleich zwei Aspekten einer allgütigen und allmächtigen Gottheit. Zum einen: Warum? Hat Gott Minderwertigkeitskomplexe, dass er darauf angewiesen ist, dass man ihn anbetet und in seinem Namen tötet? Das ist offensichtlicher Unfug. Das hat er nicht nötig. Vor allem aber verstößt es zweitens gegen das Prinzip seiner Allgütigkeit: Diese gilt – wie die buddhistische unermessliche Geisteshaltung der Liebe – für alle fühlenden Wesen. Gott unterteilt nicht in Gläubige und Ungläubige. Gott liebt einen, auch wenn man nicht an ihn glaubt. Der Gott der katholischen Kirche etwa, der angeblich alle auf Ewigkeit in der Hölle brennen lässt, welche keine Chance hatten, dieser Kirche beizutreten, Aristoteles, Konfuzius… ist mitnichten allgütig sondern viel mehr bestialisch. Gott, zumindest der, von dem ich ein Bild habe, beurteilt einen an seinen schlechten oder rechten Taten, nicht an seinem Glaube. Wenn irgendein Pygmäe im Regenwald ein gutes Leben führt, niemanden absichtlich Leid zufügt, qualifiziert er sich für das Paradies auch wenn er nicht an Gott glaubt sondern an eine weltumspannende Schlange. Ähnlich verhält es sich im Buddhismus: Man muss kein Buddhist sein, um Nirvana zu erlangen. Es gibt den sogenannten Alleinverwirklicher, der ganz für sich ohne Religion, ohne religiöse Gemeinschaft den Pfad zur Befreiung, zum Nirvana beschreitet.

Ich will übrigens niemanden auffordern, Buddhist zu werden. S. H. der Dalai Lama selbst rät davon ab. Wenn man mit christlichen Wurzeln sozialisiert wurde und dann die Religion wechselt, kann das Probleme mit sich bringen. Im Prozess des Sterbens kann es zur Konfusion führen, ob man in dieser kritischen Phase Zuflucht zum Buddha nimmt oder zu Gott – und das ist nicht ohne. Man kann auch an Gott glauben und ihn lieben, während man ein kritisches Verhältnis zur Religion pflegt, besonders wenn sie einen auffordert zu töten. Religion ist Menschenwerk und Menschenwerk ist fehlerhaft.