Als Buddhist widersprechen

„Selbst wenn mich jemand mit Unterstellungen aller Art verleumdet, so dass es in den dreitausend Welten widerhallt, so will ich in Erwiderung darauf mit einem liebevollen Geiste seine Qualitäten zum Ausdruck bringen. Dies ist die Übung der Bodhisattvas“

… ja, heftig unterwegs sind sie, die Bodhisattvas. Dies ist nur eine Übung von insgesamt 37, denen alle zugrunde liegt, dass die Anderen alles und man selbst nichts bedeutet. Ein Bodhisattva ist einer, dessen erster Gedanke beim Aufwachen ist, wie er den Anderen helfen kann, ja selbst seinen Feinden. Ein Bodhisattva strebt die Erleuchtung zum Wohle der anderen fühlenden Wesen an – ihr Wohlergehen bedeutet ihm alles. Ich bin kein Bodhisattva. Offenkundig.

Ich bin ein Hitzkopf, und regelmäßig treiben mich Zeitgenossen in eine Weißglut, wie sie einem Buddhisten nicht steht gut… ja, der musste sein. Neulich hat eine bei mir tatsächlich einen wunden Punkt getroffen. Die Vorgeschichte war, dass Diskutanten eine bemerkenswerte Merkbefreitheit an den Tag legten, was mein eigentliches Anliegen war. Im Zusammenhang mit der Tamponsteuer kam man mir mit der Unterstellung – auch wenn sie nicht in dreitausend Welten widerhallte – ich würde Frauen nicht diese paar lächerlichen Cent gönnen, während mein tatsächliches Problem war, dass um das Thema herum mal wieder dieses Opferframing aufgebaut wurde von wegen fiese Männer lassen arme Frauen überhöhte Steuern zahlen. Ich geriet schnell in Rage und habe dabei nicht gerade die beste Figur abgegeben und darauf sprach mich dann auch eine an – sie hatte meinen Avatar als buddhistisches Symbol identifiziert.

Nun, nur weil man gläubig ist, dann muss man sich doch nicht alles gefallen lassen… oder? Wenn wir den Vers eingangs nehmen, dann: Doch. Wenn man den Dharma ernsthaft praktiziert, dann lässt man sich sowas gefallen und versucht gleichzeitig das beste von demjenigen zu denken, der einen… unkorrekt behandelt. Oder man versucht zumindest nicht sein Mitgefühl mit ihm zu verlieren.

So gibt es die Geschichte über einen tibetischen Mönch, der von den Chinesen inhaftiert und gefoltert wurde. In einem Brief schreibt er, dass er seinen Peinigern dankbar dafür sei, all das, was er bisher nur als Theorie gelernt und gelehrt hatte, nun in der Praxis umsetzen zu können. Von einem anderen Tibeter wird berichtet, seine größte Sorge wäre, sein Mitgefühl mit denen zu verlieren, die ihn misshandelten – denn diese sammeln ja jede Menge unheilsames Karma an, was in Leid münden wird. Dies führt beim Buddhisten aber nicht zu einem befriedigten „Geschieht ihm Recht“ sondern zu Sorge um das Wohlergehen des Unwissenden. Denn das ist die Wurzel allen Übels: Unwissenheit. Ein Anderer lässt dich leiden, weil er verblendet ist.

Wir haben hier also zwei Aspekte vorliegen. Zum einen werden Widrigkeiten, gerade auch solche, die einen andere Menschen bereiten, dazu genutzt, sich weiterzuentwickeln, auf den Pfad Richtung Befreiung voranzuschreiten. Gleichzeitig grollt man diesen anderen Menschen nicht sondern wünscht ihnen nur das Beste.

Ich habe schon Buddhisten getroffen, die der Ansicht waren, man sollte sich gänzlich aus der Politik raushalten. Ich halte das für gefährlich: Wer in der Demokratie pennt, wacht in der Diktatur auf. Ein kostbares politisches Gut, das man verlieren könnte, wäre die Religionsfreiheit, wie Buddhisten nicht zuletzt in Tibet wissen. Zum Glück sagte mir aber auch ein Dharmalehrer, Mitgefühl mit seinen Mitmenschen zu üben, bedeute nicht, dass man ihnen alles durchgehen lässt oder dass man Auseinandersetzungen gänzlich meidet.

Allerdings sollte die Form stimmen, was heißt, nicht nur äußerlich, auch innerlich sollte man gefasst bleiben. Und damit habe ich Probleme, wie gesagt, ich bin ein Hitzkopf, heißt, ich unterliege dem Geistesgift der Wut, des Zorns, des Hasses, und das ist gar nicht gut – das führt in die Hölle: Im Buddhismus gibt es sowas wie gerechtfertigten Hass nicht, egal wie übel einem mitgespielt wird, siehe den gefolterten Mönch.

Zurück zur Übung des Bodhisattvas: Mit einem liebevollen Geist bringe ich die Qualitäten des Feministen zum Ausdruck. Er kämpft für Frauen und das ist eine edle Haltung, denn er geht ja wirklich davon aus, dass dieses Geschlecht unterdrückt wäre. Ein guter und gerechter Mann.

Hm, irgendwie schwul…