Die schöne Dalai Lama und die Feministin – wenn Du nicht schön bist

Schönheit – eine solche wolle er sein, wenn er wiedergeboren wird. So der Dalai Lama auf die Frage, ob er es sich vorstellen könne, als Frau zu reinkarnieren. Eigentlich müsste man annehmen, dass gerade Feministen darüber erfreut seien, tatsächlich aber waren sie erbost: Denn damit machte sich seine Heiligkeit des „Lookismus“ schuldig, der Diskriminierung nichtschöner Menschen. Denn wenn man feststellt, dass es Schönheit gibt, schöne Menschen, dann stellt man gleichzeitig fest, dass es auch nichtschöne Menschen gibt, und das ist ein Problem. Hässliche Menschen leiden oft darunter, dass sie so sind, wie sie sind. Anstatt aber sich damit zu arrangieren, eine Gelassenheit demgegenüber zu entwickeln – dazu gleich mehr – will man nun die Kategorien Schön und Hässlich gänzlich abschaffen.

Hierzu eine Anekdote: Auf einer Party suchte ein Mann die Nähe einer Frau, und dies tat er, indem er ihr ein Kompliment machte: „Du bist eine schöne Frau.“ Das nahm sie gar nicht gut auf und erwiderte, dass alle Frauen auf der Party schöne Frauen seien. Ich weiß natürlich, was sie damit meinte: Nämlich dass jeder weibliche Mensch auf seine Art schön ist. Aber leider gilt: Frauen wie Männer können sowohl innerlich als auch äußerlich hässlich sein. Oft wird angeführt, dass die äußerliche Schönheit irrelevant wäre im Vergleich zur inneren Schönheit, dem Charakter eines Menschen- und das stimmt zumindest teilweise, es negiert aber nicht, dass es nun mal äußerliche Hässlichkeit gibt.

Auch kann ein äußerlich hässlicher Mensch genauso innerlich hässlich sein, besonders wenn er einen Groll gegen die gutaussehenden entwickelt, denn Hass macht hässlich. Und natürlich können äußerlich schöne Menschen innerlich hässlich sein.

Kurz streifen möchte ich den Punkt, dass eine (männliche) Fixierung auf das Aussehen einer Frau ebenfalls zu Leid führt. Ein alter Freund von mir äußerte sich mal – wie ich es empfand – brutal und äußerst abfällig über eine in die Jahre geratene Schauspielerin, die er zuvor auf gut deutsch gesagt: „geil“ fand. Mit so einer Einstellung dürfte es schwierig werden, eine Frau zu finden, mit der man gemeinsam alt werden kann, denn das Alter zerstört dir Schönheit allzu oft.

Oben sprach ich an, dass Hässliche oft unter ihrer Erscheinung leiden. Einer der größten Nachteile ist, dass sie nur schwer oder gar nicht einen Lebenspartner, einen Freund finden – wobei der Effekt wirkt, dass gerade das, was man nicht haben kann, am attraktivsten scheint, wie es so schön ein deutsches Sprichwort sagt, wonach die Früchte in Nachbars Garten am besten schmecken (dabei teilen diese Frauen ein Schicksal, welches auch jenen Mann trifft, der ein „Verlierer“ ist, zu arm, um als Lebenspartner für eine Frau in Frage zu kommen). Hierzu einige Sätze, die vielleicht Trost spenden.

In Samsara, das heißt dem Daseinskreislauf, in dem man immer und immer wieder wiedergeboren wird, gibt es kein endgültiges Glück und keine Sicherheit. Man selbst wird alt und man stirbt, was heißt, dass man alles verliert, nichts kann man mitnehmen. Das gilt genauso für den Geliebten, der ebenfalls keine Sicherheit bietet. Er kann alt werden und sterben. Er kann einen verlassen. Man lebt in einer toxischen Beziehung, in welcher man unglücklicher ist als ohne sie. Man stelle sich hierzu vor, man würde mit dem Menschen, von dem man als Partner das eigene Glück abhängig macht, in einen Raum eingesperrt. Einen Tag. Eine Woche. Ein Jahr. Schon bald könnte man seinen scheinbar glücksverheißenden Partner nicht mehr ertragen, wenn man ständig aufeinander sitzen würde. Es gibt keine Sicherheit, auch nicht für Schönheit: Eine schöne, junge Frau von heute empfindet es als sehr schmerzhaft, wenn ihre Schönheit mit dem Alter vergeht. Genau das sagte Prinz Siddhartha den Töchtern Maras (der buddhistische Teufel). Mara hatte seine liebreizenden Töchter geschickt, um Prinz Siddhartha zu verführen und ihn somit von der Erleuchtung, dem Erreichen der Buddhaschaft abzuhalten. Der Prinz sagte ihnen: „Ihr werdet auch mal alt.“ Eine Feministin, die an anderer Stelle die „sexuelle Belästigung“ beklagte, welche Männer den Frauen ständig antun würden, beschwerte sich allen Ernstes mal darüber, dass mit dem Alter das Interesse (und damit auch die Belästigung) der Männer verschwinde. Frauen leiden darunter, wenn ihre Schönheit mit dem Alter erlischt, besonders, wenn sie keinen Partner gefunden haben, mit dem sie gemeinsam alt werden können.

Auch ist die Sehnsucht nach einem Geliebten, der einen glücklich macht von Selbstsucht getrieben, ein Buddhist würde sagen: Anhaftung. Anhaftung bedeutet in diesem Fall, dass man darauf ausgerichtet ist, dass der andere einen selbst glücklich macht, wohingegen die unermessliche Geisteshaltung der Liebe den Wunsch bedeutet, dass der andere glücklich ist.

Und wenn ich schon bei den unermesslichen Geisteshaltungen bin, will ich eine weitere vorstellen: Die Mitfreude, die im Gegensatz zum Mitleid in unserer Kultur nahezu unbekannt ist. Grolle schönen Menschen nicht, wenn Du nicht schön bist, sondern freue dich für sie. Pflege deinen Geist, lass ihn schön sein und wenn Du mal einen schönen Menschen triffst, sagst Du ihm vielleicht, dass er schön ist, worüber Du dich freust – wenn Du innerlich schön bist, werden die Menschen gerne um dich sein. Hadere nicht damit, wenn Du nicht schön bist, sondern nehme es an. Leid entsteht, wenn man Widerstand leistet.

Sich darauf zu fokussieren, allein durch einen Partner glücklich zu werden ist ein Irrweg. Man kann Glück und Freude auch aus anderen Dingen im Leben ziehen, wobei wie gesagt in Samsara gilt: Nichts macht endgültig glücklich.

Und warum wollte der Dalai Lama als schöne Frau wiedergeboren werden? Egoismus? Nein: Der Dalai Lama widmet sein Leben dem Wunsch, den fühlenden Wesen so gut wir nur möglich zu helfen, und ein schöner Mensch kann das besser, da die Menschen eher gewillt sind, einem schönen als einem hässlichen Menschen zuzuhören – so ist das nunmal in Samsara, auch wenn es nicht schön ist.